Adieu feste Arbeitszeit
In Deutschland fallen jährlich mehr als eine Milliarde bezahlte Überstunden an - und wahrscheinlich mindestens genauso viele unbezahlte. Ob sie nutzen oder schaden, ist umstritten.
Überstunden gehören für viele Arbeitnehmer zum Alltag. Doch das Thema Überstunden ist kompliziert, und einen verlässlichen Gesamtüberblick gibt es nicht. Über das Für und Wider von Mehrarbeit lässt sich je nach Standpunkt trefflich streiten.
"Überstunden sind in Deutschland traditionell ein Instrument, um in Unternehmen eine hohe interne Flexibilität zu erreichen", erläutert Alexander Herzog-Stein, Referatsleiter für Arbeitszeitforschung am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Bei den klassischen Überstunden bleibt der Mitarbeiter länger und erhält dafür mehr Geld. Diese Form wird seit den 1970/80er Jahren mehr und mehr von Arbeitszeitkonten verdrängt: Hier kann der Mitarbeiter seine Überstunden später abfeiern oder sogar für einen früheren Renteneintritt ansammeln.
Für die Firmen bedeuten Arbeitszeitkonten mehr Flexibilität: In guten Zeiten arbeitet die Mannschaft länger, in schlechten Zeiten baut sie Überstunden ab. "Das ist besser, als auf Kurzarbeit gehen zu müssen", sagt Hagen Lesch, Tarifexperte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW).
Lesch geht davon aus, dass die demografische Entwicklung in Zukunft großen Einfluss haben wird. "Wo Fachkräftemangel herrscht, wird der Druck größer sein, Überstunden zu machen." Andererseits müssten noch viel mehr Unternehmen Langzeitkonten schaffen, damit Mitarbeiter vor allem in körperlich anstrengenden Berufen die Arbeitszeit ihrem Alter entsprechend anpassen könnten, fordert Lesch. Die Gewerkschaften argumentieren dagegen, dass ein Betrieb nicht auf Überstunden, sondern auf zusätzliche Arbeitsplätze setzen sollte. "Damit ginge dem Unternehmen aber die Flexibilität verloren", sagt Lesch. Deshalb stellten viele Betriebe bei einem Auftragsboom lieber Zeitarbeiter statt fester Kräfte ein.
Ein vollständiger Überblick existiert hierzulande nicht. Statistisch erfasst sind beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nur die klassischen, bezahlten Überstunden: Demnach leisteten die Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2010 insgesamt 1,3 Milliarden Überstunden. Umgerechnet macht also jeder Beschäftigte im Schnitt pro Woche 0,9 Überstunden. "Hinter diesem statistischen Durchschnitt verbirgt sich eine große Streuung", betont IAB-Referatsleiter Eugen Spitznagel. "Wir gehen davon aus, dass es genauso viele unbezahlte Überstunden wie bezahlte gibt."
Die Gründe für kostenlose Mehrarbeit reichten vom persönlichen Ehrgeiz des Mitarbeiters bis hin zum Zwang durch den Arbeitgeber. "Je klarer die Arbeitszeiten in einem Betrieb geregelt sind, desto einfacher sind sie einzuhalten", sagt Herzog-Stein. "Je höher die Qualifikation, desto mehr geht es zu flexibler Arbeitszeit bis hin zu Vertrauensarbeitszeit." Da stünden viele Beschäftigte unter dem Druck, mehr zu arbeiten, als sie eigentlich müssten. "Beim Thema Überstunden gibt es nicht schwarz-weiß", meint Herzog-Stein. "Die Frage ist immer, wo bei Überstunden die Grenze liegt." Die sei spätestens dann erreicht, wenn es an die Substanz der Menschen gehe. "Dann besteht die Gefahr, dass ein Betrieb seine Arbeitskräfte kaputt macht."
Autor: DPA | 04.02.2012
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